Als ich im Herbst 2020 mit meiner Reflexion über die (möglichen) Stolpersteine auf dem Weg zur Lebenskunst-60plus nach zu denken begonnen hatte, war meine Hypothese, das überwertiges Streben nach Besitz wirke sich eher negativ auf unsere Lebensqualität aus. Doch stimmt das? Überwiegen tatsächlich die Schattenseiten des Konsums oder trägt er geradezu unsere Lebensqualität auf unbekannte Höhen, ist er gar das Filet im Menü des Lebens? 

Am Ende dieses Beitrags möchte ich wieder auswerten, wie stark der Konsumismus die anderen Stolpersteine aktiv beeinflusst, oder ob und wie stark er, eher passiv, von den anderen Faktoren beeinflusst wird.

Viel Vergnügen und einige gute neue Erkenntnisse wünsche ich dir. 

Was ist Konsumismus? 

Wissenschaftler nennen die Lebenshaltung, die darauf ausgerichtet ist, das Bedürfnis nach neuen Konsumgütern stets zu befriedigen, Konsumismus

Wir leben bekanntlich in einer Hyper-Konsumgesellschaft. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass die Menschen nicht nur konsumieren, was sie zum Überleben benötigen, sondern auch die „schönen“ Dinge des Lebens. Unser Interesse orientiert sich eher an unseren Wünschen als am Bedarf. Übrigens – ein relativ neues Phänomen, jedenfalls für die Masse der Bevölkerung. Der heutige Massenkonsum begann erst nach dem 2. Weltkrieg. Aus früheren Luxusgütern, die sich nur wenige leisten konnten, wurde Massenware. Das Nachkriegs-Wirtschaftswunder verbesserte die materiellen Lebensbedingungen der meisten Bundesbürger auf bis dahin unbekannte Höhen. Durch das Netz und die Digitalisierung wurde Konsum zum unbegrenzten Freizeitvergnügen. 24 Stunden am Tag sind die Shops geöffnet. Es wird bestellt auf „Teufel komm heraus“ – man kann ja retournieren. Der Onlinehandel boomt. 

Konsum macht Spaß

Ja, Shoppen und konsumieren kann Vergnügen bereiten. Sich etwas zu gönnen, sich etwas leisten zu können und das auch zu zeigen, ist wunderbar. Das notwendige Kleingeld haben wir uns schliesslich redlich verdient. Es gilt als Gradmesser unseres Erfolgs. Warum also nicht „zeigen was man hat“? 

Corona tut weh

Corona bremst unsere Konsumfreude mächtig. Wir können gegenwärtig nicht shoppen wie gewohnt. Die Geschäfte, Cafés und Restaurants sind geschlossen. Nur Amazon und die anderen Onlinehändler bleiben als fader Ersatz. Es fehlen viele lieb gewonnene Erlebnisse: Das Vergnügen unerwartet ein Schnäppchen gemacht zu haben, der abschliessende Espresso vor dem Lieblingscafe, die Pizza auf die Hand, ein frisch gezapftes Pils, die unverhofften Begegnungen, die kurzen freundlichen Small-Talks mit Bekannten. Alles derzeitig schwer oder nicht möglich – Da fehlt etwas Wichtiges. Das schmerzt. Nur der noch immer geöffnete Herford Wochenmarkt bietet eine wunderbare Nische.

Konsumismus wirft riesige Schatten

Gibt es auch Schattenseiten, die wir ausblenden, wenn wir unsere Wünsche und Bedürfnisse ungehemmt im Konsum ausleben? Welche Argumente könnte es aus  anderen Blickwinkeln geben, freiwillig den eigenen Wünschen Grenzen zu setzen? Ließe sich gar unsere Lebensqualität erhöhen? 

Was treibt uns zum übersteigerten Kaufen und Konsumieren? 

Fakt ist: Wir alle kaufen Produkte die wir nicht wirklich brauchen. Die wir weder wertschätzen noch längerfristig nutzen. Wie kommt das? 

Eine Bekannte z.B. trägt neue Kleidung grundsätzlich nur ein einziges Mal, dann kommt der neue Pulli, das T-Shirt und dergleichen, in den Kleidersack! Sie kauft oft Schnäppchen, interessiert sich dabei weder für die Qualität der Ware noch im Geringsten für die Arbeitsbedingungen, unter denen sie produziert wurden, die Umweltbilanz oder die Giftigkeit der verwendeten Farben. Sie weiss um diese Themen, handelt aber nicht danach. „Ja, eigentlich müsste ich ja, aber…Ja, eigentlich sollte ich nicht, aber…“ sind so Standardformulierungen mit denen sie auf eine gewisse innere Spannung hinweist, die ihr eigenes Verhalten in ihr auslöst. 

Die Sozialpsychologie hat das Konzept der Kognitiven Dissonanz entwickelt, das diese Spannung ein wenig erklären kann. Es benennt den als unangenehm empfundenen Gefühlszustand der Dissonanz als Folge sich widerstrebender Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten. Jede*r kennt das: Ach, zwei Herzen schlagen in der eigenen Brust und wollen gemanagt werden. Verhalten und Einstellungen sind oft widersprüchlich. 

Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, vertrat die Meinung, wir alle bräuchten Ablenkung und Ersatzbefriedigung vom allgemeinen „Daseinsschmerz“.

Fritz Perls, Begründer der Gestalttherapie, benutzte die Begriffe „Topdog“ und „Underdog“ um komplexe psychische Prozesse, wie etwa den Interessenausgleich zwischen Vernunft und Gefühl, zu erklären. Meist „gewinnt“ das Gefühl. Das entspricht meiner Wahrnehmung und Interpretation – nicht die Vernunft siegt, sondern das Verlangen nach immer mehr -koste es was es wolle.  

Die Transaktionsanalyse nach Erik Berne, spricht von den unterschiedlichen Interessen der sogenannten Ich-Zustände in uns. Das „Kind-Ich“ ist emotional und spontan. Das „Erwachsenen-Ich“ dagegen rational und vernünftig. Das Kind in uns will den SUV, weil er mächtig und stark wirkt (vorwiegend bei Männern), dem erwachsenen Teil reicht ein gutes Mittelklasseauto, das ihn sicher und verläßlich, zu angemessenen Kosten, von A nach B bringt.

Sind wir vielleicht zu gierig und anspruchsvoll geworden?

Könnte auch die Gier eine Triebfeder sein? Gier in finanzieller, kulinarischer, sexueller, intellektueller oder sonst einer Hinsicht, ist menschlich und weit verbreitet. Martin Seel kann der Gier in seiner klugen philosophischen Revue „111 Tugenden, 111 Laster“ einen durchaus positiven Aspekt abgewinnen: Er schreibt, wer gar keinen Aspekt der Gier kennengelernt hat, dem fehle es, hier wie dort, an elementarer Lust am Leben. Die Gier sei zwar grundsätzlich eine Erzfeindin der Lust, gelegentlich aber auch ein Übergang zu ihr. Leider können die Gierigen nie genug bekommen! Sie können den Genuss nicht genießen. Kennen keine Sättigung. Keine wirkliche Freude. Seel zitiert den irischen Schriftsteller Oscar Wilde mit den Worten: „Ich kann allem widerstehen, nur nicht der Versuchung“. 

Gier schmeckt demnach schon mal nicht nach Lebenslust. Sie sperrt uns ein, hat Suchtcharakter, hält uns gefangen – ein eindeutiger Widerspruch zu einer Kernkomponente der Lebenskunst: Individuelle Freiheit.

Negative Folgen des Konsumismus

Nicht allein, aber mit großer Gewissheit, läßt sich eine Vielzahl unserer globalen Problemfelder auf den verschwenderischen Güter- und Dienstleistungsverbrauch, vornehmlich in den führenden Industrienationen auf der nördlichen Halbkugel, auf Konsumismus zurückführen: Klimaerwärmung, Artensterben, Vermüllung der Ozeane, rücksichtslose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, Flüchtlingselend, Massentierhaltung, menschenverachtende Produktionsbedingungen, Sklaven- und Kinderarbeit in weiten Teilen der Welt, um nur einige zu nennen. 

Fazit 

Angesichts dieser Folgen ist Konsumismus eine gefährliche Sackgasse. Wenn wir die Welt unseren Kindern nicht als einen Ort der Lebensfeindlichkeit hinterlassen wollen, bedarf es dringend einer veränderten Ethik im Alltagsleben. Die oben beschriebenen Dynamiken lassen es meiner Meinung unwahrscheinlich erscheinen, dass ohne klare gesetzliche Grenzsetzung die Vernunft siegen wird. Es ist schon zehn nach zwölf. Freiwilliger Verzicht ist keine menschliche Stärke. 

Konsumismus wirkt (mittelstark) aktiv auf die anderen 6 Faktoren

Dieser Blogbeitrag erscheint als Teil 2 im Rahmen meiner systemischen Betrachtung der „7 Hindernisse und Hemmnisse auf dem Weg zur individuellen Lebenskunst 60plus“. Der erste Beitrag dieser Reihe erschien im September 2020 unter dem Titel: „Eile. Der Todfeind der Freude.“ – siehe dort.

Systemisch gesehen, ist der Konsumismus ein sogenannter aktiver Parameter. Mit Werten, die eine mittlere Beeinflussbarkeit durch die anderen Faktoren ergab, sowie eine mittelstarke aktive Einflussnahme auf die anderen 6 Faktoren. Konsumismus gehört nicht zu den kritischen Parametern, mit besonders hohen Werten.

Ergebnis

Es lohnt sich, am individuellen Konsumverhalten zu arbeiten, weil sich positive Auswirkungen, insbesondere auf Eile/Zeitdruck/Stress und die narzisstischen Anteile, ergeben könnten. Deinem Geldbeutel tut es überdies gut.

Ausblick:

Ein möglicher Lösungsansatz ist mir während dieser Reflexion in den Sinn gekommen. Sie nährt meine Hoffnung. Eine weitgehend vergessene Tugend: Die Mäßigung. Einsichtsbasiert und freiwillig Mäßigung zu üben und zu praktizieren halte ich für möglich. Gedanken dazu habe ich in einem weiteren Blogbeitrag heute zeitgleich online gestellt. 

Im nächste Beitrag in dieser Serie werde ich dem Pessimismus auf die Finger schauen.  

Gutes Gelingen.

Herzlichst 

Dein Harald Scharfenorth