Sobald ich meine Wohnung verlasse, begegnet mir gegenwärtig sehr viel Angst. Covid 19 und die Mutanten lösen teilweise hysterisch-ängstliches Verhalten aus. Weil Information angstmindernd wirkt, habe ich mich entschieden das Thema im Blog ausführlich zu bearbeiten. In der Hoffnung, Impulse zu Besonnenheit und Vernunft geben zu können.

Bücher und Ratgeber über Angst füllen ganze Regale. Ich möchte Dich trotzdem mit meinen eigenen Gedanken inspirieren. Ich werde die Angst näher beleuchten – zuerst aus tiefenpsychologischer Sicht, dann aus gestalttheoretischer Perspektive. Abschliessend werde ich versuchen, einige Antworten zu finden auf die Frage, was Du praktisch im deinem Alltag tun kannst, welche Möglichkeit du hast, dich mit diesem komplexen, wandlungsfähigen Gefühl zu arrangieren.

Angst ist unvermeidbar und allgegenwärtig

Angst kannst Du nicht ganz vermeiden. In immer anderen Kostümen begleitet sie uns von der Geburt bis zum Tod. Angst gehört, wie Freude, Wut und Schmerz, zu den sogenannten Grund- oder Basisgefühlen des Menschen. Drei dieser vier Grundgefühle mögen die Meisten nicht sonderlich. Mit der Freude, Glück, Zufriedenheit, Begeisterung etc., ich nenne sie gern die Hochgefühle, haben psychisch gesunde Menschen so gut wie nie ein Problem. Die Wut wird oft ambivalent empfunden bzw. sehr häufig negativ besetzt. Z.B. in der Kindererziehung wird sie zumeist tendenziell unterdrückt, ja sogar verboten. Aber sie ist zumeist eindeutig und auf eine bestimmte Situation gerichtet, ebenso wie der Schmerz und die Traurigkeit.

Die Angst ist dagegen schwieriger zu fassen, subtiler, vielschichtiger, sie hat viele Gesichter. Daher kam mir das Bild des Chamäleons. Wir alle versuchen, so gut es geht, mit ihr klar zu kommen. Sie zu bewältigen, zu vermindern oder zu überwinden. Das ist nicht einfach. Der Glaube an eine höhere Macht kann helfen, sie leichter zu ertragen, ganz verschwinden wird sie nicht.

Wir können nur versuchen Gegenkräfte zu mobilisieren: Mut, Vertrauen, Erkenntnis, Hoffnung. Diese Kräfte helfen uns, sich der Angst zu stellen, sie anzunehmen und immer aufs Neue zu besiegen. Völlige Angstfreiheit bieten nur einige moderne Medikamente, wie etwa Tavor, allerdings um den hohen Preis einer schnell einsetzenden psychischen Abhängigkeit und Medikamentensucht.

Angst ist global, in allen Kulturen existent. Lediglich die Objekte unserer Angst, die auslösenden Situationen, änderten sich im Laufe der Geschichte. Vor Donner und Blitz, Sonnen- und Mondfinsternissen, hat heute kaum jemand Angst. Meine Großeltern setzten sich bei Gewitter noch mit Wintermantel und Geldkassette auf die Treppe. Heute erleben wir andere Ängste. Bspw. Verkehrsunfälle, Atomkraft, elektromagnetische Strahlung, alt zu werden und einsam zu sein.

Verändert haben sich auch die Methoden der Angstbekämpfung: Etwa Medikamente, wie das oben erwähnte „Tavor“. Psychotherapie bildet heute die wichtigste Möglichkeit Angst in ihren unzähligen Formen, zu lindern.

Die heutige internationale Klassifikation psychischer Störungen unterscheidet verschiedene Phobien (Ängste) und z.Teil schwere Störungen, auf die ich im Rahmen dieses Beitrages nicht detaillierter eingehen möchte, da Psychopathologie nicht das Thema ist.

Die tiefenpsychologische Perspektive

(basierend auf der Arbeit von Sigmund Freud, 1856 – 1939)

Der deutsche Psychoanalytiker Fritz Riemann lieferte bereits 1961 in seiner Studie „Grundformen der Angst“ ein guten Überblick über die unterschiedlichen Angstformen und deren mögliche lebensgeschichtlichen Hintergründe. Manche fürchten sich vor Einsamkeit, andere vor Menschenansammlungen, Brücken, Fahrstühlen, offenen Plätzen oder harmlosen Tieren wie Käfern, Spinnen oder Mäusen. Es gibt praktisch nichts, wovor wir nicht Angst entwickeln könnten. Die Intensität der Ängste variiert von leichter Verunsicherung bis zur Panik.

Riemann führte die unendliche Vielfalt der Ängste auf vier Grundängste zurück.

  1. Die Angst vor der Selbsthingabe. Sie wird als Ich-Verlust und Abhängigkeit erlebt
  2. Die Angst vor der Selbstwerdung. Sie wird als fehlende Geborgenheit und Isolierung erlebt
  3. Die Angst vor der Wandlung. Sie wird als Vergänglichkeit und Unsicherheit erlebt
  4. Die Angst vor der Notwendigkeit. Sie wird als Endgültigkeit und Unfreiheit erlebt.

Alle denkbaren Ängste sind nach Riemann letztlich Varianten dieser vier Grundformen. Je nach Persönlichkeitsstruktur drängt sich eine diese Grundformen in den Vordergrund, ist stärker ausgeprägt als die anderen. Ideal wäre es, alle Grundformen ausgewogen leben zu können. Das ist eher selten der Fall. Eine leichte Akzentuierung einer Grundform gilt als völlig normal. Wird daraus aber eine einengende überwertige Einseitigkeit, spricht die Tiefenpsychologie von Neurosen. Entsprechend der oben genannten vier Grundformen der Angst, unterscheidet die Tiefenpsychologie vier Formen der Neurose: Die schizoide (keine Angst, das hat nichts mit Schizophrenie zu tun), die depressive, die zwanghafte und die hysterische Ausprägung.

Schizoide Neurose = Grundangst vor der Selbsthingabe

Depressive Neurose = Grundangst vor der Selbstwerdung

Zwanghafte Neurose = Grundangst vor der Wandlung

Hysterische Neurose = Grundangst vor der Notwendigkeit / Endgültigkeit

Neurotische Persönlichkeiten werden durch ihre Ängste im Verhalten stark eingeschränkt. Neurosen sind die zugespitzte Ausprägung von Verhaltenseinschränkungen, die wir alle, abgemildert, selbst an uns kennen.

Die Gestalttheoretische Perspektive

(basierend auf der Arbeit von Fritz Perls u.A., 1893 – 1970, Psychiater und Psychotherapeut)

Die Gestalttheorie geht nicht, wie die Tiefenpsychologie, von der Begrenztheit des Menschen durch die Lebensgeschichte aus. Wir glauben vielmehr fest an die Kraft jedes geistig gesunden Menschen, die Last der Vergangenheit abschütteln zu können und zu einem selbstbestimmten erfüllenden Leben in der Gegenwart fähig zu sein.

In der Gestaltarbeit sehen wir Angst als eine Vermischung von zwei getrennt zu behandelnden Phänomenen. Ein Teil der Angst ist Furcht vor etwas, von dem wir glauben, es könne für uns gefährlich sein. Furcht sitzt körperlich im Magen. Die eigentliche Angst besteht dagegen körperlich in einem Gefühl der Enge im Brustkorb. Sie behindert die freie Atmung. Die Angst macht unfähig, so zu handeln, wie es gut wäre, um die Furcht zu besiegen. Angst und Furcht beziehe sich oft aufeinander – wenn etwas befürchtet wird, kann es auch Angst machen. Paradox ist, das die Angst um so stärker wird, je mehr wir versuchen, keine Angst zu haben.

„Angst ist die Spannung zwischen Jetzt und Später“ (Perls 1969). Sie entsteht immer dann, wenn wir befürchten, in etwas Bedrohliches, z. B. in einen Streit hinein zu geraten, dem wir ausweichen und den wir vermeiden möchten, aus welchen Gründen auch immer. Die Angst selbst sehen wir in der Gestaltarbeit dabei nicht problematisch, sie ist vielmehr eine gesunde Reaktion auf eine tatsächliche oder vermutete Bedrohung. Angst ist nicht per se „ungesund“ und muss keinesfalls immer „wegtherapiert“ werden.

Der amerikanische Psychologe George Brown nannte die Kluft zwischen Gegenwart und Zukunft die „Mittelzone“. Nach gestalttheoretischer Auffassung gibt es zwei Formen von Kontakt. Zum Einen nach innen, zum eigenen Körper, zu den Gefühlen und Empfindungen. Zum Anderen, mittels unserer Sinnesorgane nach aussen, um die Umgebung scannen, einschätzen und auf sie reagieren zu können.

Dazwischen liegt die Mittelzone. Dort sind wir weder mit uns selbst, noch mit der Umwelt richtig im Kontakt. Dort wohnen einige humorlose Gesellen: Befürchtungen, Katastrophenerwartungen, Sorgen, verunsichernde Gedanken, Selbst- und Fremdabwertungen – das grösste Zimmer bewohnt die Angst. Viele Menschen sind den überwiegenden Teil des Tages in dieser Mittelzone unterwegs. Dort gibt es keine Entwicklung, dort finden wir nichts über uns und die Welt heraus. Das ist wenig beglückend. Sobald du diese Zone gedanklich betrittst, kann du jede Lebensfreude an den Garderobenhaken hängen. Mein Rat: Meide die Mittelzone so weit es geht. Wie? Sobald du merkst, dass du wieder in der Mittelzone bist, konzentrier dich bitte umgehend auf deine Sinneseindrücke – was du jetzt in diesem Moment gerade siehst, hörst, riechst usw. Bring dich also mit der Welt um dich herum in unmittelbaren Kontakt. Oder du spürst in dich hinein und fragst dich, welches Bedürfnis du gerade hast. Vielleicht einen Kaffee trinken, jemanden anrufen. In meinem Blog habe ich am 2. März diesen Jahres angeregt ein spannendes Experiment zu erkunden: Dich für eine kurze festgelegte Zeit dem sogenannten „Awareness Kontinuum“ zu überlassen. Das meine ich hier. Das führt unmittelbar raus aus der Mittelzone in den lebendigen Kontakt mit deinen momentanen Bedürfnissen. Allemal viel besser, als sich ohne Sinn und Ziel mit den Gesellen in der Mittelzone rum zu schlagen.

Allerdings sei zu ihrer Ehrenrettung gesagt: In manchen Situationen haben bspw. Sorgen durchaus ihre Berechtigung. Die Sorge um das Wohlergehen eines Anderen kann uns emphatischer machen. Die Angst stärkt unsere Vorsicht in gefahrvollen Momenten.

Das eigentliche Problem ist nicht die Angst an sich, sondern die Vermeidung einer konstruktiven Konfliktlösung. Wir passen uns allzuoft ängstlich der Umwelt an, statt die Umwelt aktiv selbst zu gestalten. Als Kleinkind und bis zur Pubertät hatten wir kaum eine andere Wahl. Als Erwachsene schon. Denn: Werden Konflikte nicht ausgetragen, verschwinden sie nicht einfach, außer es handelt sich um Lapalien. Im Gegenteil, die Angst weitet sich aus und kann schliesslich chronisch werden, z.B. in der Ausbildung einer mehr oder weniger ausgeprägten Neurose, wie oben beschrieben.

Die Angst zeigt uns den Weg

Unsere Aufgabe als Erwachsener ist, sich der Angst zu stellen, bevor sie zu mächtig wird. Als ich siebzehn Jahre alt war, besuchte ich regelmäßig die „Jazzklause“ im Keller der „Eisenhütte“ in Bielefeld. Eine dunkle Bude mit schwarzen Wänden. Eines Abends sah ich eine junge Frau, die ich dort noch nie gesehen hatte. Sollte ich sie zum Tanz auffordern? Ich spürte die Furcht einen „Korb“ zu bekommen und traute ich mich längere Zeit nicht sie anzusprechen und zum Tanz „aufzufordern“ – so etwas machte man 1967 noch. Verunsichert war ich mit siebzehn so wie so, wenn es um die Kontaktaufnahme zu einem Mädchen ging. Nach zwei bis drei Minuten des Zögern überwand ich meine Angst, ging aus sie zu, sprach sie an – was soll ich sagen: Dieses Jahr waren wir 50 Jahre verheiratet. Du hast sicher deine eigenen Beispiele, wo es sich gelohnt hat, die Angst zu überwinden. Wo Mut dir geholfen hat.

Wann ist professionelle Hilfe angezeigt?

Leider allzuoft entwickeln sich behandlungsbedürftige affektive Störungen. Scham ist dann kontrainduziert. 2019 litten etwa 19 % aller Erwerbstätigen an behandlungsbedürftigen Angststörungen. Der/die Betroffene leidet unter vegetativen Symptomen wie Herzrasen, Schweißausbrüchen, Zittern der Hände, Atembeschwerden. Diverse psychische Symptome, Angst die Wohnung zu verlassen, Panikattacken, Angst zu sterben.

Wenn sämtliche Selbsthilfestrategien erfolglos bleiben ist professionelle Hilfe indiziert. Ein Großfeuer ist nicht mit einer Schaufel zu löschen. Von dauerhafter Selbstmedikation kann ich nur dringend abraten.

Was ist zu tun, wenn die Angst bereits zu handfestem Leidensdruck und einengenden Symptomen geführt hat?

Zuerst kannst du einen Psychiater aufsuchen. Als Arzt stellt er eine gute Diagnostik sicher. Vielleicht liegt längst eine schwere Depression vor – dann kann es schnell lebensgefährlich werden. Zudem hat er Zugang zu modernen verschreibungspflichtigen Medikamenten, die im Sinne einer Soforthilfe und Krisenintervention sehr schnell wirken.

Ist die akute Krise behandelt, sollte parallel eine ambulante Psychotherapie eingeleitet werden.

Erlaub mir bitte an dieser Stelle einen kleinen Exkurs in den Dschungel der deutschen Bürokratie

Den größten Teil der ambulanten Psychotherapie leisten heute die sogenannten Psychologischen Psychotherapeuten (PP) in ihren Praxen. Die Krankenkassen haben Listen mit den Kontaktdaten. Die PP haben leider oft lange Wartelisten, weil einfach zu wenig derartige Praxen die Niederlassung erlaubt wird. Selbstzahler können sich alternativ an einen Heilpraktiker für Psychotherapie wenden, dessen Leistungen in der Regel nicht von den gesetzlichen Kassen übernommen werden. Einige Privatkassen bilden eine Ausnahme.

Die Qualität der Psychotherapie ist in beiden Berufsgruppen durch Zulassungsverfahren gut gesichert. Heilpraktiker für Psychotherapie, wie ich selbst, besitzen oft Kenntnisse in alternativen Therapieverfahren, in meinem Fall, der Integrativen Gestalttherapie. Verwirrend? Ein wenig und das Ergebnis eines ziemlich faulen Kompromisses im Gesetz. Die Kassen befürchteten einer Kostenlawine ausgesetzt zu sein. Da wurde mächtig an zwei Schrauben gedreht: Die Anzahl der Praxen und die Beschränkung der Zulassung der Verfahren. So konnte der Mangel verwaltet, die Kosten begrenzt werden.

Die Kostenübernahme der Arbeit von PPs durch eine Krankenkasse ist also auf nur wenige Methoden beschränkt. Das ist eher eine Schwäche des Systems als ein Qualitätsmerkmal. Die Zulassung der schliesslich anerkannten Verfahren, war das Ergebnis jahrelanger zäher berufs- und gesundheitspolitischer Verhandlungen im Gesetzgebungsverfahren des sogenannten Psychotherapeutengesetzes. Die Lobbyverbände der Ärzte und Diplom-Psychologen nutzten alle verfügbaren Kanäle, um ihre Interessen durch zu bringen. Schließlich ging und geht es hier um viel Geld.

Die Kostenübernahme der ambulanten Psychotherapie war und ist natürlich ein echter Fortschritt – die langen Wartelisten der viel zu wenigen Praxen, führen aber bis heute dazu, dass meiner Meinung nach, zu oft und zu lange auf ausschließllch medikamentöse Behandlung durch Ärzte zurückgegriffen werden muss. Letztlich auf Kosten der Patienten.

Wenn jemand unter einer Phobie leidet, z.B. vor engen Räumen, ist die Verhaltenstherapie ziemlich erfolgreich und zu empfehlen. Die Psychotherapieforschung hat aber gezeigt, das die „Chemie“ zum Therapeuten, das Vertrauen des Patienten und die Kontaktqualität, wichtiger sind als der Studienabschluss und die angewendete Methode.

Fakt ist: Jede schwere Angststörung ist heute gut behandelbar. Niemand muss sich Monate oder Jahre herumquälen mit seinen Ängsten. Fachärztlich verordnete Medikamente als „Brückentherapie“ zur ambulanten Psychotherapie ist allemal besser, als unbehandeltes Leiden oder Selbstmedikation.

Unsere Persönlichkeit – ein Flickenteppich der Vergangenheit

Wie wir es auch erklären, drehen und wenden – Angst gehört in vielen Schattierungen untrennbar zu uns. Bei der Einen mehr, beim Anderen weniger. Woran liegt das?

Stell dir bitte einmal einen bunten Flickenteppich vor, als Bild für deine Persönlichkeit. Unterschiedliche Menschen, Erlebnisse und Erfahrungen, haben in dir vielfältige Spuren hinterlassen. Je früher sie in deinem Leben hinterlassen wurden, desto prägender waren sie und wirken sie bis heute. Wer waren deine wichtigsten Bezugspersonen in der Vorschulzeit? Mutter, Vater, Geschwister, Spielkameraden, Kindergärtnerinnen? Die bedeutsamen und großen Flecken auf diesem Teppich sind mit etwa 3 – 4 Jahren gewebt und begleiten uns in Form von Verhaltensmustern für den Rest des Lebens. Bspw. ob du, unter Druck, im Stress, dazu neigst, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen oder eher Hilfe bei anderen suchst, stand schon in diesem Alter fest. Kein Flickenteppich gleicht genau einem anderen. „Die Menschen sind verschieden, nur darin sind sie gleich“ schrieb Michel de Montaigne bereits im 16. Jahrhundert in einem seiner Essays.

Die Gene sind immer dabei

Neben den prägenden Einflüssen der erziehenden und einwirkenden Bezugspersonen, trägt dein Genpool zu etwa 50 % zu deiner Persönlichkeit bei. Dieser Teil ist also geerbt von den Vorfahren. Die Gene bilden sozusagen das Gewebe, aus dem der Flickenteppich gewoben wurde.

Persönliche Entwicklung und Wachstum

Wenn aber die Persönlichkeit so zäh ist, machen dann Beratung, Psychotherapie. Personalentwicklung etc. überhaupt Sinn? Eindeutig ja!

Die früh erworbenen Grundstrukturen determinieren uns nicht vollständig. Es bleiben Lernfelder offen. Wir können unser Verhalten als Erwachsene bewusst verändern, wenn wir es wollen! Trotz der alten frühen Prägungen !!!

Verhalten ist mit gutem Willen veränderbar – bis ins hohe Alter

Die Abbildung zeigt, dass die (stabile) Persönlichkeitsstruktur nur einen Teil unseres Verhaltens beeinflusst. Die jeweils aktuelle Rolle und die gegenwärtige Situation bilden zusammen mit unserer Persönlichkeit eine Schnittmenge – unser tatsächliches gegenwärtiges Verhalten. Als Vater in der Familie (natürliche Rolle) verhälst du dich wahrscheinlich anders, wenn deinem Kind ein Fehler unterlaufen ist (Situation), als im Unternehmen, wenn Du einem Kollegen oder Mitarbeiter nach einem Fehler ein kritisches Feedback geben willst. Wie du beides tust, welchen Kommunikationsstil du wählst, welche Lautstärke und Sprechgeschwindigkeit, in Ruhe und unter 4 Augen oder vor den anderen Kollegen – all das wird auch von deiner Persönlichkeit mitbestimmt. Aber eben nicht nur.

An dem Zusammenspiel kannst Du arbeiten. Z.B. an deinen Kommunikationsfertigkeiten, dem Umgang mit Stress und Zeit, deiner Reflexionsbereitschaft. Verhalten lässt sich allmählich modellieren über Bewusstheit und guten Willen – bis ins hohe Alter. Diane Schurrmann, Psychologin aus München und eine wichtige Ausbilderin in Gestalttherapie für mich, sagte einmal: „Ich kann nicht, bedeutet zu 95 %, ich will nicht.“ Also auch „60plus“ ist keine Ausrede. Lebenslanges Lernen ist möglich.

Was Du leicht verändern kannst

Relativ leicht ist es, freundlicher zu werden. Offener zu kommunizieren. Zugewandter zu sein. Das hebt, wissenschaftlich belegt, nicht nur kurzfristig die Laune, sondern nachhaltig die Stimmung. Gute Stimmung und Angst sind keine Freunde, eher Konkurrenten um die Lufthoheit über dein Lebensgefühl.

Das Lernfeld heisst Kommunikation mit anderen. Hier anzusetzen ist der Goldstandard. Du kannst lernen selbstverantwortlich zu sprechen, besser zuzuhören, Gefühle auszusprechen, auch Verunsicherung und Angst. Du kannst lernen Beziehungsgespräche ebenbürtig zu führen, besonders wenn Ärger und Wut im Spiel sind. Diese Gefühle lassen sich in Worten ausdrücken, ohne verletzend zu sein. Wenn wir jemanden ohne Absicht verletzt haben, um Entschuldigung zu bitten, und so das Beziehungskonto wieder auszugleichen. All das lohnt sich hinsichtlich unseres allgemeinen Wohlbefindens. Auf dem Claim der Kommunikation liegen echte Nuggets.

Zum Abschluss

Ein Kalenderspruch ziert meine Gartenbank im Vorgarten seit über 30 Jahren:

„Leben heisst, sich ohne Ende wandeln“.

In diesem Sinne wünsche ich dir Mut und Erfolg im Ringen mit diesem Chamäleon der Gefühle. Ich hoffe ich konnte mit diesem recht ausführlichen Beitrag ein wenig helfen, die eigene Angst besser zu verstehen und sie wirkungsvoll einzuhegen. Bewusst habe ich darauf verzichtet, gängige Tipps zu wiederholen. Das Netz ist voller Anregungen, die Ratgeber unzählig.

Aus langjähriger Erfahrung in der Lehre der zwischenmenschlichen Kommunikation, beruflich und privat, bin ich abschliessend der Meinung:

Die Weiterentwicklung unserer kommunikativen Fähigkeiten bildet das Lernfeld mit der größten Hebelwirkung. Die Angst mag keine offene Kommunikation. Wer gelernt hat, über seine Angst zu sprechen, eine*n Partner*in und Freunde hat, mit denen er darüber sprechen kann, ist schon mal ganz fein raus.

Bis bald. Der nächste Blogbeitrag erscheint Ende August. Drei Themenvorschläge zur Auswahl werde ich nächste Woche den Abonnenten meines Blogs vorstellen.

Herzlichst Harald Scharfenorth, Hiddenhausen den 4.7.2021