20.01.2021. Gänsehautmoment am Fernseher. Der Text von Amanda Gorman, von ihr vorgetragen während der Inauguration von Jo Biden, hat mich sehr bewegt.

Daher möchte dir heute diesen Text in meinem Blog schenken, weil ich ihn so wichtig finde. Bedeutsam auch in Europa, Deutschland und Hiddenhausen. Den Text habe ich wegen der leichteren Lesbarkeit in ganze Sätze gegliedert.

Amanda Gorman: “Den Berg hinauf”

“Kommt der Tag, dann lasst uns fragen, wo noch Licht scheint in dem Dunkel, das nicht enden will.

Die Verluste zu ertragen, ein Meer, das es zu queren gilt.

Dem Bauch der Bestie haben wir getrotzt, gelernt, dass Ruhe nicht gleich Frieden ist, und Maß und Richtschnur dessen, was gerade recht ist, nicht stets Recht ist.

Und doch blüht uns ein neues Morgen, ehe wir es kannten.

Wir haben es verstanden, irgendwie überstanden und erkannten uns als nicht am Ende, doch als noch unvollendet.

Wir, die Erben eines Landes, einer Zeit, in der ein dünnes, schwarzes Mädchen, ein Sklavenspross, das aufwuchs, vaterlos, von „Präsident sein“ träumen kann, dies einem vorzutragen, steht es an.

Nun ja, uns fehlt es noch am letzten Schliff, sind nicht auf Exzellenz erpicht, doch das heißt nicht, wir mühen uns um Einheit in Vollkommenheit.

Wir mühen uns um Einheit in Sinnhaftigkeit, ein Land zu formen, dem sich jede Hautfarbe und Lebensform, jede Wesensart und Daseinsform kann anvertraun.

Blicken wir daher nicht auf das, was zwischen uns, vielmehr auf das, was vor uns steht und schließen dann die Kluft.

Wir wissen dies: Der Zukunft Vorrang einzuräumen, heißt, Streit vorrangig auszuräumen.

Wir legen unsre Waffen ab, damit – entwaffnet – wir die Hand uns reichen können, und nie mehr Zwietracht sondern Eintracht leben.

Nicht zuletzt sei dies der Welt verkündet, dass selbst der Trauernde sich stärker wiederfindet, dass, selbst im Schmerz, wir weiter hoffen, dass, selbst ermüdet, wir uns weiter mühen, dass wir als Sieger allzeit sind verbunden, nicht, weil ein Scheitern gänzlich wär verschwunden, jedoch, weil wir nie wieder Zwietracht säen.

Die Heilige Schrift sagt uns, wir soll’n uns derart sehen: Ein jeder sitze unter seinem Weinstock, seiner Feige, und niemand möge diesem Angst bereiten.

Und sollen unsrer eignen Zeit gerecht wir werden, dann liegt der Sieg nicht in den Waffen, – er liegt in all den Brücken, die wir schaffen.

Wir wollen uns zum Licht aufraffen: den Berg hinauf, falls wir das Wagnis teilen, denn Amerikaner sein, ist mehr als Stolz zu erben, es ist auch „Scherben“ der Vergangenheit zu „heilen“.

Wir haben eine Macht erlebt, die zwischen uns trieb Keile, statt sie zu teilen, die unser Land zerstört und Volkes Herrschaft hätte fast bezwungen und dieses war beinah gelungen.

Doch wenn auch Volkes Herrschaft ist erschwert mitunter, auf Dauer geht sie niemals unter.

Dieser Wahrheit, diesem Glauben schenken wir Vertrauen.

Denn während wir die Augen auf die Zukunft richten, wird die Geschichte unsre Taten sichten.

Dies ist die Zeit gerechten Ausgleichs für die Missetat.

Wir hatten Angst, als sie begonnen hat, wir waren nicht gewappnet, derart Schreckliches zu erben, doch konnten wir dadurch die Kraft erwerben, ein neu’ Kapitel zu verfassen, und uns mit Hoffnung und mit Lachen einzulassen.

Während wir uns damals fragten, wie könnten wir die Katastrophe überwinden, so können wir dies jetzt befinden:

Wie könnte sie uns jemals überwinden?

Wir schreiten nicht zurück zu dem, was war, was sein wird, sei mit Mut beschlossen: Ein Land, das zwar getroffen, dennoch heil, wohlwollend, aber frei, kühn und entschlossen.

Wir werden uns nicht wenden lassen, und keiner wird durch Drohung uns aufhalten, wissen wir doch, dass unsre Trägheit, unser Unterlassen, zum Erbe derer wird, die Kommendes gestalten, denn unsre Fehler werden ihre Lasten.

Doch sei dies festgehalten:

Wenn Macht und Mitleid sich verbinden und Macht und Recht zusammenfinden, wird Liebe sein, was wir vererben – ein Wandel im Geburtsrecht unsrer Erben.

Lasst uns ein Land den Erben hinterlassen, das besser ist als, man es uns gegeben.

Denn jeder Atemzug in unserm Leben ist dieser wunden Welt zu ihrem Besten.

Wir tun uns auf im goldbekränzten Hügelland im Westen, wir werden uns im stürmischen Nordost erheben, wo erstmals unsre Ahnen aufbegehrten, wir tun uns auf im Städteraum der Großen Seen, wir werden uns im ausgedörrten Süden unsres Lands erheben, um aufzubauen, zu gesunden und uns auszusöhnen in jedem Winkel, welcher unserm Volk bekannt, in jeder Ecke, die Amerika genannt.

Unsre Nation, vielgestaltig, schön, wird sich erheben, aufgerieben, schön.

Kommt der Tag, entfliehen wir des Schattens Bann, furchtlos, entflammt.

Ein neues Morgenlicht erblüht, wenn wir’s befrei’n.

Denn Licht scheint stets, sind wir nur stark genug, zu sehn den Schein, sind wir nur stark genug, selbst Licht zu sein.