Hallo. 

Meine Idee, erst einmal die Stolpersteine auf dem Weg zu Deiner ureigenen Lebenskunst auf zu spüren, ist umgesetzt. 7 Hindernisse habe ich gewählt, eher intuitiv als wissenschaftlich fundiert. Anschliessend habe ich sie (systemisch) miteinander in Beziehung gesetzt, um heraus zu finden, welcher Aspekt die anderen wie stark beeinflusst, bzw. von den anderen beeinflusst wird. Das Ziel ist, die Aspekte zu finden, bei denen es sich besonders lohnt an zu setzen, wen Du etwas verändern möchtest.

Wen es interessiert: Die theoretischen Grundlagen der systemischen Auswertung wurden von Vester, Probst und Gomez erarbeitet.

Also – was hindert uns, zuversichtlich, heiter und gelassen auf unserem Lebensweg voran zu schreiten? 

  1. Eile, Stress, Zeitdruck. Viele Menschen hetzen durch ihr Leben, als würden sie getrieben von dunklen Mächten – die ich überwiegend in ihnen selbst vermute.
  1. Konsumismus. Gemeint ist eine Lebenshaltung, die darauf ausgerichtet ist, das Bedürfnis nach neuen Konsumgütern stets aufs Neue zu befriedigen. Überwertige materielle Lebensorientierung auf Konsum, machen das Leben aber allzu oft anstrengend und unbefriedigend – dem Gegenteil von moderner Lebenskunst.
  1. Narzissmus. Jede*r hat narzisstische Anteile. Nur die Übertreibung erzeugt Leid. Narzissten sind einsame Egozentriker, in sich selbst verliebt, äußerst empfindlich, andere entwertend. Selbst unfähig zu intensivem Kontakt mit anderen Menschen, zeigen sie einen deutlichen Mangel an Empathie. Sie sind humorlose Gesellen, die uns leid tun können, trotz des Glanzes, der sie umgibt.
  1. Perfektionismus. Perfektionismus kann eine schlimme Geißel sein. Ein überhöhter Anspruch an sich selbst und Andere verursacht viel psycho-sozialen Stress. Lebenslust kommt da wenig auf. 
  1. Pessimismus. Diese Lebenseinstellung behindert Lebenskunst im Sinne von Wohlbefinden und Zufriedenheit, verhindert sie aber nicht gänzlich. Hier macht, wie so oft, die Dosis das Gift. Wenn Pessimismus mutiert in ein zukunftspessimistisches Szenario der Gesellschaft (Dystopie) oder in ein Einsiedlerdasein, weil jemand die Nähe von Menschen nicht mehr ertragen kann (Misanthropie), wird’s eng für die Lebensfreude.
  1. Psychologische Antreiber. Der Begründer der Transaktionsanalyse, einer Schule der humanistischen Psychologie, Erik Berne, fand unbewusst wirkende Glaubenssätze, die uns zu Leistung und Anstrengung nötigen. Beispielsweise „Beeil Dich“ und „Streng dich an“. Kein schönes Leben, wer diesen Maximen unterworfen ist, ohne es recht zu merken.
  1. Unsicherheit. Gemeint ist die Unsicherheit in uns selbst und die Unsicherheit im Leben als Ganzem. Selbstunsichere Persönlichkeiten haben es schwer in unserer Gesellschaft Erfolg zu haben. Ihre Selbstzweifel hindern sie, ihr volles Potenzial aus zu schöpfen. Kaum etwas hasst der Mensch mehr, als das Gefühl der Unsicherheit, schrieb Ulrich Schnabel in der „Zeit“ vom 17.9.20. Nicht zuletzt das Coronavirus hat uns gezeigt, wie zerbrechlich unsere vermeintlichen Sicherheiten sind, wie schnell unser Leben aus den Fugen geraten kann. 

Nun möchte ich den ersten Stolperstein: Eile, Stress und Zeitdruck, näher beleuchten und auf seine Bedeutsamkeit für unser Thema Lebenskunst-60plus hin gewichten. 

Hermann Hesse, Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger, sah in der Eile den wichtigsten Feind der Freude. Er vertrat die Meinung, wer immer in Eile sei, vermag sich nicht zu freuen. In der Eile sah er die Ursache, statt Freude nur noch Vergnügen zu suchen, das man sich kurzfristig kaufen kann. Freude dagegen brauche den Augenblick und die Langsamkeit.
Die heutige Stressforschung hat weitreichende, die Gesundheit schwer gefährdende Langzeitfolgen von Dauerstress aufgezeigt. Die Aufzählung ist der reinste Horror. Lebenslust und Lebensfreude fallen schwer, wenn erst Hörsturz, Bluthochdruck, Diabetis, Herzinfarkt, Schlaganfall, Burn-Out oder Depression zu unserer Krankengeschichte gehören. Lebenskunst ist dann immer noch möglich, aber anspruchsvoller, dazu später mal mehr.

Mir scheint, die Menschen sind heute zusehends überfordert. 

Seit dem Mittelalter leben alle Generationen im Banne der Beschleunigung: Die Erfindung der mechanischen Uhr legte einen Grundstein. Allgegenwärtige Zeitmessung wurde möglich und üblich. Waren vorher der Stand der Sonne und der Hahnenschrei die natürlichen Taktgeber, regelten fortan Uhren die Lebensrhythmen – zuerst in den Städten, später auch auf dem Land. Die Bevölkerung wurde systematisch diszipliniert. Die Menschen konnte nun gelenkt und zielgerichtet geführt werden im Sinne derer, die Macht und Einfluss hatten  – im Wesentlichen zuerst adelige Landbesitzer und die Kirche. Die einsetzende Industrialisierung brauchte in den Fabriken Ordnung in den Prozessen und Pünktlichkeit. Die Betriebswirtschaftslehre forschte an den Zutaten eines schwerverdaulichen Gerichts. Wo heute die BWL-er als Controller auftauchen, hat jede Sekunde einen Wert. Letztlich erbte ich eine Stoppuhr mit 100 Einheiten pro Minute – wie sich herausstellte, vom REFA – Verband. Mit einer hundertstel Minute war besser und schneller zu rechnen. Da muss man erst mal drauf kommen !

Unser heutiges Wirtschaftsmodell braucht ständig Wachstum. Die Industrie hat perfekt gelernt, unablässig an drei Schrauben zu drehen: Zeit, Kosten und Qualität. Angeblich wegen der Konkurrenz und der Globalisierung der Märkte. Mag sein, nicht mein Fachgebiet. Fakt ist: Der “Turbokapitalismus” heutiger Prägung mit seiner ständigen Optimierungsdynamik, hielt nahezu weltumspannend Einzug und überfordert mittlerweile viele Menschen.

Alles muss in immer kürzerer Zeit produziert werden. Die Kosten müssen sinken, ohne Rücksicht auf Verluste bei den Beschäftigten und der natürlichen Umwelt – wie beispielsweise dieser Tage bei Tönnies und anderen Betrieben der Fleischindustrie, deutlich wurde. Wie dort mit Beschäftigten und Tieren umgegangen wurde, spricht eine unglaubliche Sprache. Ethische Grundsätze – Fehlanzeige!
Gleichzeitig wird die Qualität der Produkte durch immer mehr Funktionen fortlaufend optimiert. Der Qualitätsbegriff bezieht sich hier nicht etwa auf Langlebigkeit und Nachhaltigkeit. Nein ! Schön wärs ! Die Optimierung hat das Ziel, ständig neue Produkte zu erzeugen, die immer mehr können. Der VW Golf wurde von Generation zu Generation nicht nur immer breiter, höher und länger, er bekam auch immer mehr tolle Assistenzsysteme und technische Neuerungen, in nicht allzu ferner Zukunft, wird er vollständig automatisiert selbstständig fahren. Das Smart-Phone, ein wirklich tolles Produkt, das ich nicht mehr missen möchte, ersetzt mittlerweile meine Uhr, den Wecker, das Diktiergerät, den Kompass, das Festnetztelefon, um nur Einiges zu nennen.

Damit die Innovationen schnell gehen, wurde sogar vor kriminellen Handlungen nicht zurück geschreckt. Um den enormen Druck der Vorstandsetage einerseits und der gesetzlichen Rahmenbedingungen andererseits zu managen. Der Dieselskandal lässt grüßen. Die (armen) „Middlemanager“ zerrieben sich in den Autofabriken in ihrer „Sandwich-Position“ zwischen den Mühlsteinen des Drucks von oben und den berechtigten Bedürfnissen der Entwickler und Mitarbeitenden. Das Allerheiligste moderner Unternehmensführung, die Kennzahlen, müssen stets erreicht werden – wie, ist fast schon egal. Da erschien eine illegiale Software wie ein Geschenk Gottes. Ein Problem schien elegant und clever gelöst. Die Luftverschmutzung merkt ja keiner, wenn auf dem Prüfstand alles korrekt angezeigt wird. Der Preis, den wir alle für diese Art des Wirtschaftens zahlen, ist hoch – zu hoch. wie ich meine.


Eine vernünftige Grenze der Belastbarkeit der Akteure scheint mir längst überschritten.

Besonders psychische Krankheiten nehmen massiv zu. BurnOut und Depression gehören mittlerweile zu den häufigsten Erkrankungen. Die Kosten trägt dann die Allgemeinheit, beziehungsweise der Betroffene selbst – nur die Fehltage sind ein (betriebswirtschaftliches) Problem – erst leidet die Produktivität, dann der Gewinn, und schliesslich die Börsenkurse. Gesamtwirtschaftlich verringert sich schliesslich das unselige Bruttosozialprodukt, was bekanntlich jede Leistung mitrechnet, auch den größten volkswirtschaftlichen und umweltbezogenen Blödsinn.

Systemische Auswertung:

In meiner systemischen Betrachtung zwischen den oben genannten 7 Faktoren, bilden Eile, Zeitdruck und Stress, einen sogenannten reaktiven Wert. Das heisst, er reagiert mehr auf die anderen Faktoren, als selbst Einfluss zu nehmen. Als aktiver Parameter, also in der Einflussnahme auf die anderen Faktoren, landete er im Ranking lediglich auf Platz 6 von 7. Als passiver Parameter, also der Beeinflussbarkeit durch die anderen Faktoren, dagegen auf Platz 3. Hektik und Zeitdruck sind also eher Symptom, eine Folge aus den andere Faktoren.

Was heisst das alles praktisch für Dich? 

Nun ja, es lohnt sich sicher, individuelle Entschleunigung als persönliches Entwicklungsziel der eigenen Lebensführung an zu streben, wenn du oft unter Stress leidest. Allein schon aus gesundheitlichen Gründen. Es lohnt sich, darüber nach zu denken, ob und wie du deine Prioritäten verändern könntest, hin zu mehr Lebensqualität. Wie kannst Du lernen, bewusster und sorgsamer mit deiner Zeit zu haushalten? Wie soll die Balance zwischen Berufs- und Privatleben zukünftig aussehen?

Der humorig-ironisch gemeinte Spruch „Rentner haben nie Zeit“ sollte auf jeden Fall deiner Vergangenheit angehören. Zeit ist eines der wenigen Güter, die gerecht verteilt sind:

Jeder Tag hat für Jede*r 24 Stunden!

Was du damit anfängst und was du unterlässt – ist letztendlich deine Entscheidung.

Ausblick:

Im einem der nächsten Blogbeiträge werde ich mir den Konsumismus näher ansehen. Was hat es für Auswirkungen auf einen Menschen, sein Wohlbefinden und die Zufriedenheit, wenn sie oder er, überwertig nach materiellem Wohlstand strebt? Wenn der beruflichen Karriere alles untergeordnet wird, sie die ganze Lebensenergie aufzehrt. Wenn Konsum von Kleidung, Reisen und der Besitz teurer Markenartikel zur wichtigsten, vielleicht einzigen Quelle des Selbstwertgefühls geworden ist.

Ich melde mich wieder per Whats App oder Email, wenn ein weiterer Beitrag fertig ist.

Ich werde mich über Deinen Kommentar und eine Empfehlung meines Blog, sehr freuen. Die Arbeit hat mir wieder viel Freude gemacht.

Gutes Gelingen.
Dein Harald Scharfenorth