Aus gegebenem adventlichen Anlass, und wohl auch, weil ich bei diesem Thema heuer nicht die nötige Sorgfalt habe walten lassen, bin ich spontan der Idee gefolgt, ein wenig über das Schenken nach zu denken. Wie so oft, stellte sich das Thema schnell komplexer dar, als anfänglich gedacht. Die Zeit drängte, der Beitrag sollte, wenn, vor Weihnachten in den Blog. So möchte ich heute, am 4. Advent, nur einige persönliche Überlegungen mit dir teilen, wie immer als Inspiration gedacht und verbunden mit der Einladung, zu kommentieren, wenn du magst.

„Wir schenken uns dieses Jahr nichts, sie hat ja schon alles“, bemerkte ein Bekannter dieser Tage. Ist das eine gute Lösung oder nur der Bequemlichkeit geschuldet ? Wie schade, dachte ich. Ich schenke gern, nur nicht unbedingt an Heiligabend.

Schenken ist für mich ein emotionales Beziehungsthema. Bewusstes persönliches Schenken transportiert Wertschätzung für den Beschenkten. Das richtige Geschenk, die passende Aufmerksamkeit zum richtigen Zeitpunkt, kann eine Beziehung stärken. Beziehungen, so sagt uns die Wissenschaft, seien das Wesentliche im Leben. „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft“ meint der Volksmund. Das stimmt. Wenn ich merke, der Andere hat sich wirklich Gedanken gemacht über meine Interessen, wie und womit er mir, und damit sich selbst, eine Freude machen kann, löst das sehr positive Gefühle aus.

Es gibt auch die andere Seite. Wie peinlich bis verletzend ist es, jemanden beim Schenken zu vergessen ? Oder ungewollt etwas zu wählen, was zwar mir gefällt, aber dem anderen ein Graus ist. Wie beklemmend, ein Geschenk zu erhalten, was wir weder mögen noch brauchen, uns aber freundlich zu bedanken, weil wir den Anderen nicht verletzen möchten. Sollten die Geschenke für meine Kinder von gleichem Wert sein? Meine Mutter schenkte, als sie älter wurde, uns 4 Kindern, den jeweiligen Ehegatten und den Enkeln einen exakt gleich hohen Geldbetrag – ihr war die Gerechtigkeit sehr wichtig, niemand sollte benachteiligt werden. Ich fand das immer ein wenig unpersönlich, langweilig ohne Überraschungseffekte.

Die einfachste Form des Schenkens ist meiner Meinung nach die Wunscherfüllung. Der zu Beschenkende wünscht sich bspw. ein Buch. Ich besorge es brav und überreiche es zu einem vorher definierten Zeitpunkt, wie Geburtstag oder Weihnachten – unverpackt natürlich, der Umwelt zuliebe. Das Wesentliche eines guten Geschenkes, die Überraschung fehlt. Zugespitzt könnte man sagen, du bist für jemanden Einkaufen gegangen. Eigenes Nachdenken war unnötig, es gab kein Risiko, allerdings auch wenig Freude auf beiden Seiten.

Auf der gleichen Stufe steht für mich die noch etwas bequemere Variante: Bargeld verschenken. Die Einfallslosigkeit ist kaum zu überbieten. Die auf zu wendende Energie nahe Null. Das Einkaufen erledigt der Beschenkte später selbst. Aber immerhin: Geld hat seinen Wert. Die Beschenkte die Freiheit, damit zu tun, was sie möchte. Trotzdem: Ein mehr rationaler als emotionaler Vorgang mit oft fadem Beigeschmack. Wirkliche Freude kommt auf beiden Seiten da nicht auf.

Spannender find ich da schon, gemeinsame Zeit zu schenken. Sehr gut kam bei einer alleinlebenden Freundin an, als ich ihr einmal 10 „Hausmeisterstunden“ geschenkt hatte, ein zu lösen im darauf folgenden Jahr, bspw. für kleine Arbeiten in ihrer Wohnung. Hier einen Dübel einsetzen, ein Bild umhängen, dort ein Möbelstück verrücken. Selbst handwerklich recht geschickt, am eigenen, älteren Haus, als Heimwerker mit Ehrgeiz gereift, war praktisches Arbeiten für mich stets eine willkommene Abwechslung zu Schreibtisch- und Therapeutensessel. Eine echte Win-Win-Situation war geschaffen, ein seltener Geschenk-Glücksfall. Zeit als Geschenk ist, obwohl ohne Kosten, wertvoll. Das kann zu guten Begegnungen und Gesprächen führen.

Die hohe Schule ist für mich das bewusste, persönliche Schenken. Es kommt bestenfalls von Herzen. Ist freiwillig und will Freude bereiten. Ist nicht an einen festen Anlass gebunden. Die Überraschung gehört, wie Senf zur Bratwurst, untrennbar dazu.

Vielleicht hat der Schenkende sich eine beiläufige Bemerkung meinerseits gemerkt, das mir ein bestimmtes Werkzeug zum Bildhauen noch fehle und Monate später schenkt er mir dieses Werkzeug – dann fühle ich mich gesehen, bin ich überrascht, freue mich über die Beachtung und seine Aufmerksamkeit.

Meine Tochter arbeitet im Südschwarzwald als Reitlehrerin. Sie war tief berührt, als kürzlich eine erwachsene Schülerin, an ihrem Geburtstag, völlig unerwartet vor ihrer Haustür stand, nach einer 90 minütigen Autofahrt aus der Schweiz zu ihrem Wohnort, um ihr persönlich ein Geschenk zu überreichen und ihr zu gratulieren. Ich weiss bis heute nicht, was sie geschenkt bekam, dass war ihr wohl nicht so wichtig. Die freudige Überraschung, sagte sie, werde sie nie vergessen. Das Wie scheint mir grundsätzlich bedeutsamer als das Was.

Um ein solch gutes Geschenk zu finden, bedarf es der vorhergehenden Reflexion. Die Zeit nehme ich mir oft nicht. Ich muss gestehen, in diesem Jahr habe ich dem Thema Schenken nicht die gebotene Aufmerksamkeit gewidmet. Damit bin ich jetzt, nach dieser Reflexion, unzufrieden. Für das nächste Jahr gelobe ich Besserung.

Dir wünsche ich entspannte letzte Adventstage, leichtes freudiges Schenken und Beschenktwerden – ein insgesamt gelungenes Fest in kleiner Runde und in 2021 eine weiterhin positive persönliche Entwicklung, beruflich und privat.

Herzlichst Harald