Meine Reflexion zum Konsumismus und praktikablen Lösungen aus dem inneren Konflikt zwischen Vernunft und Begierde, führte mich zu einer in Vergessenheit geratenen Tugend: 

Die Mäßigung. 

Sie schien mir nicht so bitter wie der vollständige (unfreiwillige) Verzicht. Da könnte was gehen, dachte ich. Das könnte sinnvoll sein. 

Mäßigung läßt sich verorten zwischen Minimalismus einerseits und maßlosem Konsum (Konsumismus) andererseits. Mäßigung klingt vordergründig verstaubt, aus der Zeit gefallen, karg und langweilig. Werde ich zur Spaßbremse mit dieser uralten Tugend? Das möchte ich natürlich nicht – klingt zu wenig nach Lebensfreude. Abwarten! Die Recherche war spannend.

Etwas tiefer gebohrt zeigte sich bald, daß Mäßigung den Genuss steigern kann. Weniger kann mehr sein. Denken wir nur an die Gourmets vor ihren fast leeren Tellern. Oder an die Freude, die von werthaltigen, nachhaltig produzierten, langlebigen Produkten ausgeht. 

Erlaub´ mit bitte einen kurzen Exkurs: Eine Stihl-Motorsäge löst in vielen Männer vom ersten Moment an Begeisterung aus. Beim Modell aus dem Billigsegment des „Geiz ist geil“, beim Discounter erworben, fehlt dieses Gefühl. Ein solches Markenprodukt ist, zugegeben, anfänglich etwas teurer, hält dafür aber ein Leben lang. Ersatzteile und Service vor Ort sind langfristig garantiert. Dazu die Freude am Gebrauch vom ersten Tage an. Ich weiß wovon ich rede – ich mache mein Brennholz seit Jahren selbst und erspare mir, als Zusatznutzen, das kaum zu ertragende Gequatsche in der Dusche der „Muckibude“, die ich vorher ein Jahr lang nutze. Ich bin wahrlich kein Pfennigfuchser, glaube aber, allein durch die Einsparung des Mitgliedsbeitrages im Fitnessklub, habe ich die Mehrkosten für meine Motorsäge mehr als kompensiert. Und immer eine warme Wohnung. 

Was sagen die klugen Köpfe ?

Vielleicht hilft wieder einmal ein Blick auf die klugen Köpfe, die stets einen guten Spruch auf Lager haben. Zwischen den Polen Minimalismus und Konsumismus findet sich, in der „goldenen Mitte“ die u.a. von Platon zu einer Kardinaltugend erhobene Lebenshaltung der Mäßigung. Immanuel Kant war, ähnlich wie Sigmund Freud, eher skeptisch und glaubte, der Mensch sei zur Mäßigung nicht fähig. „Nichts im Übermaß“ mahnte das Orakel von Delphi. Für Aristoteles war das rechte Maß ein entscheidendes Kriterium für ein gutes und gelingendes Leben. Die antiken Philosophen gingen mehrheitlich davon aus, daß wir durch Nachdenken und Selbsterkenntnis in der Lage seien, uns zu mäßigen. Zumal für ein höheres Ziel, etwa persönliche Freiheit, die Steigerung des Genusses oder einen kleineren ökologischen Fussabdruck. 

Warum sollte ich mich überhaupt mäßigen?

„Kluge Köpfe hin oder her – ich lebe heute! Was spricht dagegen in die Vollen zu gehen? Ich habe mir meine 12. Kreuzfahrt redlich verdient“. – Iautet ein möglicher Standpunkt – wären da nicht diese ganzen verfluchten weltweiten Probleme: Klimaerwärmung, Artensterben, Vermüllung der Ozeane, rücksichtslose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, millionenfache Sklaven- und Kinderarbeit, Massentierhaltung, das Leiden der Flüchtlinge, Überbevölkerung und Hunger in weiten Teilen der Welt, um nur einige zu nennen. Jetzt noch diese Pandemie…

Aber macht mein individuelles Handeln da wirklich den Kohl fett ?

Der Philosoph und Publizist  Richard David Precht hält es eh für Quatsch, zu glauben, der Einzelne habe einen wirkungsvollen Hebel, um diesen globalen Themen zu begegnen. Allein zupackendes, engagiertes politisches Handeln auf nationaler, besser internationaler, ja, globaler Ebene, sei geeignet, Abhilfe zu bewirken. Und Eile sei geboten, keine Veränderungen im Schneckentempo und homöopathischer Dosierung – wie gegenwärtig.

Können wir darauf vertrauen, dass die Politiker rechtzeitig und entschlossen handeln? Können wir uns allein auf die Wissenschaft und technische Lösungen verlassen? Ich denke kaum.

Machen wir als Nachkriegsgeneration aber so weiter wie bisher, wäre unsere Generation der Verursacher einer Weltkatastrophe, meint der Theologe und Philosoph Gotthard Fuchs

Ein echtes Dilemma. 

Wie wollen wir unseren Kindern und Enkeln diese Welt hinterlassen?

Fakt ist: Ohne unsere Lebensweise zu verändern, zerstören wir die Lebensgrundlagen der folgenden Generationen. Der wohlhabende Teil unserer Generation 60plus in den führenden Industrienationen, hat die oben genannten Probleme zu verantworten. Verbesserungen im großen Maßstab, zugunsten der unerschöpflich erscheinenden Allgemeingüter Wasser, Boden und Luft haben wir nicht gebacken gekriegt – vielleicht gelingt es mit Blick auf die eigenen Kinder und Enkel und deren Zukunft. 

„Wie könnt ihr es wagen, unsere Zukunft zu zerstören“ sagte Greta Thunberg. Recht hat sie.

„Arbeit an uns selbst“ stünde auf der Agenda, wenn wir die Welt den nachfolgenden Generationen einigermaßen lebenswert hinterlassen wollen. Mit unreflektiertem Konsumismus (siehe meinen vorhergehenden Blogbeitrag zum Thema) und der Haltung „nach uns die Sintflut“ wird das nicht gelingen. In der Mäßigung sehe ich einen Lösungsansatz.

 Was können wir uns zur Mäßigung motivieren?

Wir Menschen ändern zumeist nur etwas, wenn wir, wie die Psychologie es nennt, „Leidensdruck“ empfinden. Das ist ganz normal. Und/oder – wir versprechen uns von der Verhaltensänderung einen persönlichen Vorteil

Es lohnt sich also abschliessend auf die Sonnenseite der Mäßigung zu schauen.

Die Sonnenseiten der Mäßigung

Die gibt es durchaus. Wenn wir einmal die Staubschicht wegblasen, kommen wertvolle Nuggets zum Vorschein:

Raum und Zeit zur Selbstentfaltung etwa. Ein größeres Freiheitsempfinden, wenn wir nicht jedem Trend hinterherlaufen, nicht jede Mode mitmachen, nicht wie dressiert, jede dargebotene Belustigung mitnehmen, nicht jedes dörfliche Kirschblütenfest besuchen. Genusssteigerung durch tiefere Wahrnehmung. Mehr Zeit für Wesentliches, z.B. unsere Partnerschaft und die Pflege von Freundschaften. Wir alle kennen die Sehnsucht nach dem Einfachen. Nicht zuletzt mehr Zeit und Kapazität für geistiges und kulturelles Leben. 

Wenn es uns gelingt, diese Nuggets für uns ans Tageslicht des Alltags zu fördern, sehe ich eine Chance für unsere Generation 60plus, durch Mäßigung, jede*r für sich, einen Beitrag zur Verkleinerung ihres/seines ökologischen Fussabdruckes beizutragen. An diesem Punkt möchte ich Precht widersprechen. Ja, die große Politik soll ihren Job besser machen. Aber wenn viele „kleine Leute“ kleine Schritte machen, ist das bedeutungsvoll, verändert Bewusstsein. Es gilt ein „Sowohl als auch“. Nicht ein „Entweder-Oder“.

Greta Thunberg ist ein leuchtendes Beispiel. Statt brav zur Schule zu gehen, setzte sie sich freitags in Schweden allwöchentlich vor das örtliche Rathaus und demonstrierte, anfänglich völlig allein, gegen unsere Umweltzerstörung. Welch eine weltweite Bewegung ist daraus entstanden ! 

Wenn wir selbst erste Schritte praktisch umsetzen fühlen wir uns selbstwirksam – ein sehr gutes Gefühl. Ohne konkrete Schritte wird wohl die, den Cree zugeschriebene, Weisheit Realität werden: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fisch gefangen, der letzte Fluss vergiftet ist, werdet ihr merken, daß man Geld nicht essen kann.“ 

Soll es wirklich so weit kommen? Es ist unsere Entscheidung. Individuell und gemeinsam. Meiner Meinung nach ist ein reiches und erfülltes Leben nicht abhängig von immer mehr Möglichkeiten, sondern von der Fähigkeit, mit dem was ist, angemessen, kreativ und langfristig verantwortbar, umzugehen. Statt den Kopf in den pessimistischen Sand zu stecken, können wir vieles besser machen, wie der Soziologe Harald Welzer in seinem Buch „Alles könnte anders sein“ vorschlägt. Positive Utopien entwickeln, aktiv daran mitarbeiten, unsere Gesellschaft zum Besseren zu entwickeln. 

Es ist schon heute sehr viel Gutes gelungen. Wie ich als Arbeiterkind, 1950 geboren im „5. Viertel“ von Bielefeld, heute leben kann, davon hätte mein Opa nicht zu träumen gewagt. Er hätte es nicht für möglich gehalten. 

Die meisten Älteren bleiben dann auch ziemlich wortkarg, wenn ich sie frage, welche Zeit genau sie denn meinen, wenn sie nostalgisch daherreden, früher sei alles besser gewesen: Kaiserzeit? Die Weimarer Republik nach dem ersten Weltkrieg? Die Zeit der Nazidiktatur? Sicher nicht. 

Positive Utopien sind gefragt

Selektive Mäßigung zu leben, jeder nach seinen/ihren persönlichen Vorstellungen, könnte eine solche Utopie sein. Das Sein vor dem Haben zu priorisieren. Die Qualität sozialer Beziehungen, gute Kontakte, offene Gespräche, stärker zu gewichten, als die PS-Zahl des nächsten Autos und die Qualität der Aussenkabine auf dem Kreuzfahrtschiff. 

Der griechische Philosoph Epikur schrieb im 4. Jahrhundert vor Christi: “Wenn Du einen Menschen glücklich machen willst, füge nichts zu seinem Reichtum hinzu, sondern nimm ihm einige seiner Wünsche.“

Die Mäßigung scheint mir ein gutes Grundkonzept, nicht nur für jeden Einzelnen, sondern auch global, für eine Verbesserung einer ganzen Reihe unserer oben aufgezählten Gegenwartsprobleme. Unserer Natur nach, sind wir leider eher auf immer mehr Haben-wollen gepolt. Maßlosigkeit liegt uns mehr als Mäßigung, das hat die Vergangenheit gezeigt. Eine Überfluss- und Konsumgesellschaft ist aus den genannten Gründen, auf Dauer keine lebenswerte Option. 

Der Philosoph und Schriftsteller Henry David Thoreau schrieb folgenden bemerkenswerten Satz im 19. Jahrhundert: „Den Reichtum eines Menschen kann man an den Dingen erkennen, die er entbehren kann, ohne seine gute Laune zu verlieren.“

Das rechte Maß zu finden, individuell und gesellschaftlich, ist eine lebenslange Marathonaufgabe. Bekanntlich beginnt eine Reise von 1000 Meilen mit einem ersten Schritt – dazu lade ich dich ein. Du kannst heute beginnen. Alles Wissen ist vorhanden. „Mäßigung“ läßt sich googeln. Ebenso die Namen der genannten Autoren.

In diesem Sinne wünsche ich dir ein reiches und erfülltes Leben.

Herzlichst

Harald Scharfenorth